| Pressefreiheit
im Jahr 2003
Reporter ohne Grenzen zieht
Jahrsbilanz
von Dagmar Trüpschuch
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2003 war kein gutes Jahr für die Pressefreiheit. Unter
dem Deckmantel der Terrorbekämpfung leidet das Recht
auf freie Meinungsäußerung, sowohl im privaten
als auch im öffentlichen Raum. Es geht um Gleichschaltung
von Meinungen im kleinen und Kritik an herrschenden Systemen
im großen Rahmen. Regierungskritik wird gleichgesetzt
mit Antiamerikanismus oder Antisemitismus. System- und regierungskritische
Meinungen werden unterdrückt und die, die sie öffentlich
äußern, werden in vielen Ländern verfolgt,
verhaftet oder auch ermordet. Im Rahmen des lokalen und globalen
Krieges gilt: Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer. (Aischylos,
griech. Dichter, 525-456). Die Risiken für Kriegsberichterstatter
steigen vor allem deshalb, weil Kriegsparteien immer weniger
die Sicherheit des Medienpersonals respektierten, um die „Schlacht
der Bilder“ zu gewinnen. Insgesamt wurden im letzten
Jahr bei der Ausübung ihres Berufes 42 Journalisten getötet,
1460 Journalisten bedroht oder schikaniert, 766 Journalisten
festgenommen und 501 Medien zensiert oder eingestellt. Mindestens
124 JournalistInnen sitzen zurzeit immer noch im Gefängnis.
Zum zweiten Mal veröffentlicht Reporter ohne Grenzen
eine Rangliste zur Situation der Pressefreiheit. Die Liste
gibt Aufschluss über den Grad der Medienfreiheit 2003
weltweit. (siehe Tabelle unten)
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Die tunesische Journalistin Sihem Bensedrine (links)
gehört in ihrer Heimat zu den schärfsten Kritikern
des Regimes. Dafür wurde sie mehrmals verhaftet
und tätlich angegriffen. Zurzeit lebt sie auf Vorschlag
von ROG als Gast der
Hamburger Stifung für ploitisch Verfolgte in Deutschland.
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Beschränkung der Pressefreiheit
„Unter dem Argument der Terrorbekämpfung wird seit
dem 11. September 2001 verstärkt gegen Journalisten vorgegangen“,
bestätigt Sabina Strunk, Pressereferentin der deutschen
Sektion Reporter ohne Grenzen, den Trend zur Unterdrückung
der Meinungs- und Pressefreiheit. Gerade auch weil Journalisten
ein Sprachrohr für Opposition und Menschenrechtsverteidiger
sind. Auch die weltweite Kriegssituation trägt zu einer
Verschlechterung bei. Allein im Irakkrieg kamen 14 Reporter
und Kameraleute ums Leben.
Sowohl die USA (31) als auch Israel (45) schnitten hinsichtlich
der Pressefreiheit im eigenen Land relativ gut ab. Aber wegen
ihrer Politik im Zusammenhang mit ihren militärischen
Einsätzen außerhalb der Landesgrenzen landeten
sie auf den hinteren Plätzen, die USA auf Platz 135 und
Israel auf Platz 146. Übergriffe auf Journalisten der
israelischen Armee in den besetzten Gebieten und die Verantwortung
des amerikanischen Militärs für den Tod von fünf
Reportern im Irakkrieg begründen die unterschiedliche
Bewertung.
Für die Ausarbeitung der Rangliste beantworteten Journalisten,
Wissenschaftler, Rechtsexperten und Menschenrechtsverteidiger
einen 53 Fragen umfassenden Katalog. Abgefragt wurden verschiedene
Aspekte von Verstößen, darunter gewalttätige
Übergriffe, Morde und Verhaftungen, Verfolgung und Zensur.
Schlusslichter der Liste sind Nordkorea (166) und Kuba (165),
die Türkei tummelt sich auf Platz 116. Allein acht der
zehn untersten Plätze belegen asiatische Staaten. In
diesen Ländern stehen Medien unter starker Kontrolle.
Journalisten, die sich nicht an staatliche Vorgaben halten,
riskieren Verhaftung und Gefängnis. Ihnen bleibt oft
nur die Flucht ins Exil. Als Vorbilder für die Pressefreiheit
gelten die skandinavischen Länder. Deutschland hat sich
im Gegensatz zum Vorjahr um eine Position verschlechtert und
liegt auf Platz acht. „Hauptkritikpunkt für Deutschland
ist die immer noch nicht geklärte Überwachung von
Journalisten,“ erklärt Sabina Strunk. „Die
Telefonüberwachung hat sich sehr stark ausgedehnt. Deutschland
liegt mit an der Spitze.“ Überwachung von JournalistInnen
wird als Angriff auf die Vertraulichkeit von Information angesehen,
die als Grundvoraussetzung für Journalismus gilt.
Schlechte Menschenrechtslage in der Türkei
Zur Platzierung der Türkei (116) führten Bedenken,
dass trotz Lockerung des Pressegesetzes, das u.a. Verlagen
und Redakteuren mehr Schutz gegen die erzwungene Abgabe von
Quellen gewährt, die Pressefreiheit im Lande nicht gewährleistet
ist. Noch immer sitzen Journalisten in Haft, noch immer können
Medien für regierungskritische Äußerungen
schwer bestraft werden, noch immer herrscht Zensur, gerade
was Tabuthemen wie die Kurdenfrage betrifft. Der Europäische
Gerichtshof für Menschenrechte hat von Oktober 2002 bis
Ende 2003 gegen die Türkei 43 Urteile wegen Menschenrechtsverletzungen
gefällt.
Sonstige Länder
Kuba befindet sich auf dem vorletzten Platz, weil alleine
in diesem Jahr 26 unabhängige JournalistInnen verhaftet
und zu Gefängnisstrafen von 14 bis 27 Jahren verurteilt
wurden. Ihnen wird vorgeworfen, im Ausland Artikel veröffentlicht
zu haben, die „imperialistische Interessen“ vertreten.
Kuba ist zurzeit das größte Gefängnis für
Journalisten weltweit.
Im Zuge des Irakkrieges haben einige arabische Regierungen
einen härteren Kurs gegenüber Medien eingeschlagen.
In Guinea-Bissau (119) hat die Armee Zeitungsredaktionen geschlossen,
an der Elfenbeinküste (137) gerieten Journalisten in
die Schusslinie der Krieg führenden Parteien.
Auch der afrikanische Staat Eritrea (162) nimmt eine unrühmliche
Position ein: Seit zwei Jahren erscheinen keine unabhängigen
Zeitungen mehr, 14 Journalisten werden ohne Anklage festgehalten.
Dass Medienfreiheit kein Monopol reicher Staaten ist, beweisen
Benin (29) oder Madagaskar (46) im Gegensatz zu reichen Staaten
wie Bahrain (117) oder Singapur (144). Denn „Demokratie
und Pressefreiheit gehören zusammen“, sagt Sabina
Strunk abschließend, „das eine kann man ohne das
andere nicht haben.“
Dagmar Trüpschuch
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