Das Guanxi der Chinesen
Kommunikationsverhalten im chinesischen Alltag

von Zhaohui Zhang

Andere Länder, andere Sitten, heißt es im Volksmund. »Ja» muss in China nicht zwangsläufig Zustimmung bedeuten; es wird vielleicht eher als «Ich habe verstanden, weiter bitte» benutzt. Jede Kommunikation ist kulturbedingt, ganz gleich welcher Art. Auch wenn McDonalds, Kentucky Fried Chicken und Pizza Hut längst zum Alltagsbild in Beijing, Shanghai und anderen großen Städten gehören, hat das Kommunikationsverhalten in China aufgrund der langen konfuzianischen und kulturellen Traditionen viele Besonderheiten. ETHNOTRADE stellt einige der wichtigsten Besonderheiten des «chinesischen Verhaltens » vor:

Harmonie: das höchste Gebot der Chinesenr

Harmonie, d.h. die Vermeidung von offenem Streit, hat einen sehr hohen Stellenwert und ist damit das Ideal in China. Unordnung und Chaos hingegen sind dem Chinesen höchst zuwider. Für die Herstellung von harmonischen Bedingungen wird viel Zeit und Mühe aufgewendet. Konflikte in offener Diskussion zu lösen, wie es im Westen erwartet wird, wird von Chinesen eher als unhöflich empfunden. Es wird generell keine direkte Kritik geübt. Wenn es nicht vermeidbar ist, wird die betroffene Person unter vier Augen angesprochen. Die Auseinandersetzung vor Zuschauern auszutragen, wird als Gesichtsverlust empfunden. Das Gesicht des Gegenübers zu wahren, trägt zur Erhöhung der Harmonie bei. «Dabei gilt: Gesicht zu geben und nicht zu nehmen». Dies bedeutet z.B, dass man jemanden beim Reden nicht unterbricht, heikle Fragen nur indirekt ausspricht und bei direkten Fragen immer Ausweichmöglichkeiten offen lässt.

Guanxi: das Zauberwort in China - das Vitamin B schlechthin

Das Wort «Guanxi» wird mit «Beziehungen» übersetzt. Im Unterschied zu Deutschland wird dieses Wort nur als positiv empfunden. Man versteht darunter private Kontakte und Beziehungen, die auf gegenseitigem Vertrauen, Sympathie und Mitgefühl basieren. Unter Chinesen wird Guanxi ganz selbstverständlich akzeptiert und praktiziert. Man pflegt ein freundschaftliches Verhältnis zu dem Verkäufer auf dem Gemüsemarkt, zum Schneider, zu den Kollegen, den Beamten, den Bekannten, den Freunden oder Verwandten. Dieses funktionsfähige Dienstleistungssystem besteht neben dem bürokratischen. Die meisten Chinesen können sich das Leben ohne Guanxi nicht vorstellen. Der eine gibt dem anderen etwas und erwartet, dass er irgendwann wieder etwas zurückbekommt. Mit solcher Gefälligkeit und Hilfsbereitschaft wird in China sehr vieles erleichtert. Dies lässt sich u.a. damit begründen, dass in China die sozialen Vorgänge immer mit Personen verknüpft sind. Selbstdarstellung – Bitte nicht zu selbstsicher! Für einen Europäer ist es selbstverständlich, selbstbewusst aufzutreten. Man kennt seine Stärken und Fähigkeiten und präsentiert sie bei Bedarf ganz offen. Diese Art von Selbstdarstellung kommt in China nicht unbedingt gut an. Offen gezeigtes Selbstbewusstsein wird manchmal sogar als arrogant empfunden. In China herrscht die Etikette der Bescheidenheit. Man nutzt Bescheidenheit als Mittel, um sich selbst zu verkaufen. Dies lässt sich an häufigen Redewendungen erkennen wie z.B. «Meiner noch unreifen Meinung nach...». In der Tat sind solche Meinungsäußerungen wohl durchdacht. Wenn sich also ein chinesischer Ingenieur für sein bescheidenes Wissen entschuldigt, ist dies nur ein Zeichen seiner Höflichkeit. In Wirklichkeit könnte er ein Vollprofi sein.

Essen im Leben der Chinesen

Essen hat absolute Priorität im Leben der Chinesen. Es bietet die Möglichkeit, sich zu unterhalten und zu vergnügen. Dabei wird das Gefühl der Zusammengehörigkeit und der guten Beziehungen bestärkt. So sind Geschäftsessen üblich und für chinesische Geschäftsleute sehr wichtig. Viele erfolgreiche und dauerhafte Geschäftsbeziehungen entstehen in China beim gemeinsamen Essen. Einige Verhaltensregeln sollten auch beim «chinesischen Essen » beachtet werden. Sich selbst Getränke einzuschenken gilt z.B. als gierig. Man wartet, bis man von dem Gastgeber bedient wird. Anderen einzuschenken hingegen wird als Geste der Ehrung verstanden. Man bedient zuerst die Nachbarn und greift erst dann selbst zu. Außerdem soll man es unbedingt unterlassen, sich während des Essens die Nase zu putzen. Dazu sollte man den Tisch verlassen. Schlürfen hingegen ist in China kein Verstoß gegen die Tischsitten. Wenn in Deutschland bei einer Einladung alle Speisen aufgegessen werden, so nimmt man dies in der Regel als Zeichen, dass es den Gästen geschmeckt hat. Würden in China die Gäste alles aufessen, so würden sie ihren Gastgeber als geizig bloß stellen. Ein chinesischer Gastgeber wird deshalb stets darauf achten, dass bei einer Einladung Speisen in Überfluss vorhanden sind. Statt «Guten Appetit» sagt der Gastgeber «Bitte, greifen Sie zu» oder «Essen Sie bitte viel und langsam». Dies ist als höfliche Aufforderung zu verstehen, es sich schmecken zu lassen und zuzugreifen. Der Gastgeber entschuldigt sich auch, weil er nicht gut genug gekocht hat. Diese Äußerungen werden aus Gründen der höflichen Bescheidenheit gemacht. Als freundlicher Gast weist man natürlich durch wiederholte Komplimente über Qualität des Essens diese Bescheidenheit zurück.

Artikel von Zhaohui Zhang

Zhaohui Zhang
36, ist in der Provinz Jiangxi, China geboren und lebt seit 1990 in Deutschland. Sie bietet Seminare zu interkultureller Kommunikation
an und betreut Handelsdelegationen aus China.
cbszzh@hotmail.com