Hamburgs Afrikanische Community
Positives Image von Hamburg in Übersee

von Sam Atsu-Nove

«Burger» (Abkürzung für Hamburger) wird ein Ghanaer in der Heimat genannt,der einige Jahre in Europa gelebt hat und nach Hause zurückgekehrt ist. Um so genannt zu werden, muss er aber nicht unbedingt in Hamburg und nicht einmal in Deutschland gelebt haben. Einzig und allein der Aufenthalt im Ausland verleiht ihm die Bezeichnung «Burger».

Hamburg steht also stellvertretend für europäisches Flair und Life-Style der rückkehrenden Afrikanerinnen und Afrikaner aus dem Ausland. Dieses positive Image, verliehen an die Hansestadt durch die Afrikaner, steht jedoch in krassem Gegensatz zur tatsächlichen Situation vieler Afrikanerinnen und Afrikaner in Hamburg.

Die folgenden Schlagzeilen verdeutlichen die gespannte Beziehung zwischen Hamburger AfrikanerInnen und den politisch Verantwortlichen der Stadt in den letzten Jahren:
«Schill sucht neue Heimat für 2600 Afrikaner» (Spiegel-online, 13.03.02)
«Hamburg will Afrikaner abschieben,egal wohin» (NDR, 22.11.03)
«Afrikaner auf der Flucht vor der Polizei ertrunken» (Flüchtlingsrat Hamburg, 15.3.03)
«Zahl der schwarzafrikanischen Dealer an den Brennpunkten sichtbar zurückgegangen» (Chef der DEG, Kriminaloberrat Ulf Schöder).
Trotz dieser Negativ-Schlagzeilen machen die Afrikanerinnen und Afrikaner selbstbewusst das Beste aus ihrer Situation und betrachten sich als Teil der Hamburger Bevölkerung. Die Stadt Hamburg gibt sich gerne kosmopolitisch und ist es teilweise auch. Dazu trägt auch die lebendige afrikanische Präsenz bei, die schon allein im Stadtbild deutlich auffällt.

Hamburg attraktiv für viele Afrikaner

Hamburg ist die größte «afrikanische» Stadt Deutschlands. Hinter der offiziellen Statistik von 17.500 Afrikanerinnen und Afrikanern – das ist ca. 1% der Hamburger Einwohner – verbergen sich Menschen aus über 50 Ländern des afrikanischen Kontinents, von Angola bis Zimbabwe. Diese große kulturelle Vielfalt prägt die Hamburger afrikanische Communitiy. Ob jedoch das lebendige Treiben der afrikanischen Bevölkerung in der Stadt positiv oder negativ bewertet wird, hängt auch vom geistigen Zustand des Betrachters und seiner Einstellung zu nichtdeutschen «Mitbürgern» ab.

Doch warum entscheiden sich AfrikanerInnen für ein Leben in Hamburg? Vielleicht ist es das kosmopolitische Flair einer Großstadt? Vielleicht, weil Hamburg als Hafenstadt an afrikanische Hafenstädte wie Port Harcourt, Tema, Cotonou, Maputo usw. erinnert? Oder ist es die Anonymität einer Großstadt, die trotzdem gewünschte Kontakte untereinander ermöglicht? Oder aber vor allem die Verdienstmöglichkeiten in der Hafenstadt als ArbeitnehmerIn oder UnternehmerIn?

Ein aktiver Bevölkerungsteil

Wie präsent und aktiv die afrikanische Bevölkerung im Hamburger Alltag ist, zeigt sich anhand der unterschiedlichen Institutionen und Aktivitäten der Afrikaner vor Ort. Über 40 afrikanische Diaspora-Kirchen, eine Reihe von eigenen Kultur- und Beratungszentren, gesamtafrikanische und nationale Vereinigungen, mehrere KünstlerInnengruppen und ein eigenes Jahresfestival zeugen vom regen sozio-kulturellem Leben der afrikanischen Bevölkerung. Auch im Wirtschaftsbereich ist die afrikanische Präsenz überall sichtbar. Die etwa 50 Verkaufsläden, sprich «Afro Shops», versorgen nicht nur Afrikaner mit Waren des täglichen Bedarfs aus Kontinentalafrika. Die vielen kleinen und großen afrikanischen Transportfirmen, beispielweise, passen ins Bild einer Hafenstadt mit ständigem Hin- und Her von Waren von und nach Übersee. Fünf Reisebüros werden ergänzt von einigen Afro Shops, die ebenfalls Buchungen für ausgewählte Fluglinien übernehmen.

Afrikaner sind tätig als Lehrer in Hamburger Schulen, afrikanische ArbeitnehmerInnen sind überall in der Stadt beschäftigt. Viele erledigen täglich die «Drecksarbeit» für Stadt und Wirtschaft, für die sich Deutsche «zu schade sind». Das alles klingt nicht nach einem Bevölkerungsteil, der auf Kosten der deutschen Steuerzahler lebt und obendrauf noch den Drogenhandel in der Stadt kontrolliert, wie die kombinierten Diffamierungskampagnen von Behörden und einigen Medien glauben lassen möchten.

Wie kommt man in Kontakt mit AfrikanerInnen in Hamburg?

Fehlende Kontakte gehören zu den Hauptursachen von Missverständnissen und Vorurteilen zwischen einheimischen und afrikanischen Hamburgern, absichtliche Verweigerung, andere zu akzeptieren mal außen vor gelassen. Kontakt mit afrikanischen Hamburgern zu schließen ist nicht schwer und überall möglich. Allein der Wille zählt. Wer besonders eindrucksvoll die afrikanische Präsenz in Hamburg erleben möchte, der sollte sich einen Sonntag frei halten und den Gottesdienst in einer der 40 afrikanischen Kirchengemeinden der Stadt besuchen. Hier trifft sich das Gemeindeleben von Glaubensschwestern und -brüdern in ihren ursprünglichen christlichen Formen. Zwangsläufig bewundert man zunächst die prachtvollen Farben der Kleidungen der versammelten Gemeindemitglieder, die sich hier für ein paar Stunden treffen: singend, betend, tanzend zum Lob Gottes, der sie schützend durch die Strapazen der Woche begleitet hat. Die Zuflucht und Geborgenheit des Gemeindelebens am Sonntag lassen vergessen, dass man manchmal, draußen in der Stadt, schutzlos und hilflos ist oder sich zumindest so fühlt. Somit spielen die afrikanischen Kirchengemeinden eine zentralere Rolle im Leben vieler AfrikanerInnen als beispielsweise im Leben vieler Deutschen. Einige Mitglieder der Kirchengemeinde leisten dringend notwendige Sozialarbeit in der afrikanischen Community.

Weitere Orte der Begegnung mit AfrikanerInnen in der Stadt sind «Afro Shops», afrikanische Lokale und gesamtafrikanische Beratungszentren, wie die «Afrikanische Union Hamburg» (AUH), der «Dachverband Afrikanische Organisationen und Vereine in Hamburg e.V» (DAVOH) oder die sporadischen Treffen der nationalen Gruppen (Ghana, Äthiopien…).
Afrikanische Festivals und Konzerte bieten andere Möglichkeiten zur Begegnung. Die Begegnung mit AfrikanerInnen lohnt sich sicherlich. Man erfährt mehr über ihre Kultur und erlebt ihre Feiern – was zumindest das Bild ändern würde, was einige der Hamburger Medien und Behörden teilweise herauf beschwören.

Artikel von Sam Atsu Nove

Sam Atsu Nove
Publizist, Afrika-Experte, Kommunikations- und Sprachwissen-
schaftler, Veteran-Aktivist der afrikanischen Diaspora, seit 1975
in Deutschland, Herausgeber des Adressbuchs der afrikanischen
Gemeinschaften, «African-German Contacts»